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> Perversion: Recht in den USA
TJA
Posted: September 28, 2010 07:13 pm
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28. September 2010, 17:27 Uhr
USA
Häftling nach Suizid-Versuch per Giftspritze hingerichtet

Mehrere Hinrichtungen von Todeskandidaten durch Gift sind in den USA verschoben worden - weil ein f√ľr die Injektion ben√∂tigtes Mittel nicht lieferbar ist. F√ľr Brandon Rhode hat es noch gereicht: Der 31-J√§hrige wurde nun exekutiert, wenige Tage nach einem Selbstmordversuch.

Hamburg - Rund hundert Menschen werden jährlich in den USA hingerichtet. In der Statistik des Jahres 2010 wird auch der Name Brandon Joseph Rhode stehen. Der 31-Jährige starb am Montagabend im US-Bundesstaat Georgia durch die Giftspritze - wenige Tage, nachdem er versucht hatte, sich mit einer Rasierklinge die Halsschlagader aufzuschlitzen.

Rhodes Anwalt hatte bis zuletzt versucht, eine Aufhebung des Todesurteils zu erreichen. Der Protest blieb ohne Wirkung, um 20 Uhr am Montagabend (Ortszeit) lehnte der Oberste Gerichtshof der USA das Gesuch ab.

F√ľr 19 Uhr war Rhodes Hinrichtung angesetzt gewesen, erst nach dem Supreme-Court-Bescheid konnte mit dem Vollzug begonnen werden. Eine weitere halbe Stunde dauerte es, bis man am K√∂rper des Todeskandidaten eine geeignete Vene fand, um den Giftcocktail zu injizieren.

14 Minute vergingen, bis das Gift schließlich seine Wirkung tat. Um 22.16 Uhr war Brandon Rhode tot - dem Sterben vorausgegangen war, wie sein Anwalt sagte, ein "absurdes und unverständliches Prozedere: Das Gefängnispersonal hat zunächst alles getan, ihn am Leben zu erhalten, und ihn dann hingerichtet."

Eine "grausame und v√∂llig un√ľbliche" Ma√ünahme

Urspr√ľnglich sollte Rhode bereits am 21. September exekutiert werden, doch kurz zuvor hatte er in seiner Zelle versucht, sich mit einer Rasierklinge das Leben zu nehmen - wie er sich die Klinge im Todestrakt verschaffen konnte, ist noch nicht gekl√§rt. Rhode wurde nach dem Suizidversuch in ein Krankenhaus gebracht, ein Team von Not√§rzten k√§mpfte dort um sein Leben.

Um sicherzustellen, dass er die Wunde an seinem Hals nicht wieder w√ľrde √∂ffnen k√∂nnen und "weder sich noch anderen Schaden zuf√ľgt", wie es seitens der Staatsanwaltschaft hie√ü, wurde Rhode daraufhin an einen Stuhl fixiert. Zuvor wurde er laut Aussage seines Anwalts an H√§nden und F√ľ√üen gefesselt und in einen Sack mit Rei√üverschluss gesteckt. Das Licht in seiner Zelle brannte rund um die Uhr, zwei Vollzugsbeamte beobachteten den Gefangenen ohne Unterbrechung.

Sein Anwalt Brian Kammer protestierte vergebens gegen den "Folterstuhl", sprach von einer "grausamen und v√∂llig un√ľblichen" Ma√ünahme.

Wie bereits im Fall der vergangene Woche im US-Bundesstaat Virginia hingerichteten Teresa Lewis war auch bei Rhode insbesondere nach dem Suizidversuch strittig, inwiefern er geistig in der Lage war, das juristische Prozedere tatsächlich zu begreifen.

Rhodes Komplize wartet noch auf seine Hinrichtung

Rhodes Anwalt Brian Kammer hatte sein Aufschiebungsgesuch unter anderem damit begr√ľndet, dass sein Mandant von dem Suizidversuch k√∂rperlich und mental au√üerordentlich beeintr√§chtig sei. Ein neues Gutachten sei erforderlich, um festzustellen, ob Rhode noch strafm√ľndig sei und √ľberhaupt verstehe, weshalb er hingerichtet werde.

Rhode war 2000 wegen dreifachen Mordes zum Tod verurteilt worden. Im April 1998 war er mit seinem Komplizen Daniel Lucas nach einem Einbruch in ein Wohnhaus gerade dabei gewesen, die Zimmer nach Wertgegenst√§nden zu durchsuchen, als der Besitzer √ľberraschend nach Hause kam. Der 37-J√§hrige versuchte, die beiden Einbrecher mit einem Baseballschl√§ger in die Flucht zu schlagen. Er und seine beiden elf und f√ľnfzehn Jahre alten Kinder wurden von Rhode und Lucas erschossen.

Rhodes Komplize Daniel Lucas, der in einem gesonderten Verfahren schuldig gesprochen wurde, wartet noch auf seine Hinrichtung.

"Wir können die Verwendung eines unserer Produkte nicht gutheißen"

Wie schnell Georgia die n√§chsten Exekutionen wird ausf√ľhren k√∂nnen, ist momentan nicht absehbar - wie bei den 34 anderen US-Bundesstaaten, die Todeskandidaten per Giftspritze t√∂ten, gibt es auch dort einen Lieferengpass beim Bet√§ubungsmittel Sodium Thiopental, einem der drei Medikamente des Giftcocktails.

So musste in Oklahoma eine f√ľr August angesetzte Hinrichtung bereits verschoben werden, Kentuckys Gouverneur Steve Beshear hat die Todesurteile f√ľr zwei H√§ftlinge noch nicht unterschreiben k√∂nnen.

Der Hersteller des Stoffes, die Firma Hospira aus Illinois, ist das einzige Unternehmen, das die US-Justizvollzugsanstalten mit Sodium Thiopental beliefert - ein Alleinstellungsmerkmal, √ľber das die Firma nicht unbedingt frohlockt. "Wir k√∂nnen die Verwendung eines unserer Produkte bei Ma√ünahmen des Strafvollzuges nicht guthei√üen", formulierte ein Sprecher des Unternehmens unl√§ngst in einem Schreiben an die Regierung des Bundesstaats Ohio.

In Ohio wie auch in Washington wird Sodium Thiopental sogar ausschließlich in der letalen Injektion verwendet. Erst im Januar soll das Mittel wieder lieferbar sein.

Auf andere Medikamente auszuweichen, ist f√ľr die Justizvollzugsanstalten keine Option, da die Entscheidung √ľber die Ingredienzien des Giftcocktails in den siebziger Jahren das Ergebnis einer juristischen Feinabstimmung war; eine neue Zusammenstellung der Medikamentenkombination w√ľrde langwierige und teure Gerichtsverfahren erforderlich machen.

"Opfer warten schon mehr als 20 Jahre auf Vollzug der Strafe"

Mit Zulieferungen etwa aus Krankenhäusern lässt sich der Sodium-Thiopental-Mangel ebenfalls nicht beheben - medizinisches Personal darf sich in den USA in keiner Weise am Vollzug von Hinrichtungen beteiligen.

Nicht wenige Politiker halten die Abh√§ngigkeit von nur einem Medikamenten-Zulieferer f√ľr fahrl√§ssig - eben weil es deshalb zu Engp√§ssen bei der Vollstreckung von Todesurteilen kommen kann. "In vielen der F√§lle warten die Opfer schon mehr als 20 Jahre auf Vollzug der Strafe", sagte Senator Jim Tracy aus Tennessee.

17 Hinrichtungen per Giftspritze sind bis Ende Januar in insgesamt neun US-Bundesstaaten angesetzt, momentan ist offen, ob sie ausgef√ľhrt werden k√∂nnen.

Selbst der um Distanz zum Hinrichtungsbetrieb bem√ľhten Firma Hospira scheint dies denn doch unangenehm.

"Wir arbeiten mit Hochdruck daran", hei√üt es dort, "das Medikament f√ľr unsere Kunden so schnell wie m√∂glich wieder erh√§ltlich zu machen."

pad/AP

URL:

   * http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,720126,00.html

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