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> Filter ..., wir werden immer hilfloser
TJA
Posted: March 14, 2011 02:57 am
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11. MĂ€rz 2011, 12:17 Uhr
Vorgefiltertes Web
Die ganze Welt ist meiner Meinung

Von Konrad Lischka

Es ist eine schleichende, unheimliche VerÀnderung: Bei Facebook, Google oder Amazon entscheidet Software, was der Nutzer zu sehen bekommt und was nicht. Nur wenigen ist bewusst, wie stark Algorithmen inzwischen unser Bild von der Wirklichkeit bestimmen - was nicht passt, schluckt der Filter.

Eli Pariser, der langjĂ€hrige Chef der Politaktivisten-Plattform MoveOn.org, hat vor ein paar Tagen auf der TED-Konferenz eine interessante Geschichte zu den neuen Pforten der Wahrnehmung erzĂ€hlt: Irgendwann, so Pariser, sei ihm auf Facebook aufgefallen, dass er in seinem Nachrichtenstrom immer weniger von den konservativen Kontakten las, die er seinem Netzwerk hinzugefĂŒgt hatte. Um auch mit abweichenden Meinungen konfrontiert zu werden, wie er sagt. Allein: Der Facebook-Algorithmus blendete mit der Zeit mehr und mehr dieser MeinungsĂ€ußerungen aus - weil, so vermutet Pariser, er nicht so oft die von den konservativen Kollegen empfohlenen Artikel anklickte wie die seiner liberalen Gleichgesinnten.

So kann es gehen, in einer digital sortierten Welt: Auf einmal sind sie weg, die Freunde bei Facebook, aussortiert aus dem Nachrichtenstrom, den das soziale Netzwerk jedem eingeloggten Nutzer zeigt. Die erstaunliche Entdeckung, dass auf einmal so gar nichts mehr von einigen Menschen zu lesen ist, die man doch einmal mit einem Mausklick zu Freunden erklĂ€rt hatte, schockiert Nutzer des sozialen Netzwerks immer wieder. Man kann die mal erstaunten, meist verĂ€rgerten Reaktionen auf diese Filterung nachlesen unter Schlagzeilen wie "Heimliche Facebook-Änderung" oder "Wie Facebook eure Freunde vor euch versteckt".

Der Filter bleibt oft monatelang unbemerkt

Es stimmt: Facebook zeigt standardmĂ€ĂŸig jedem Nutzer eine andere, von Algorithmen berechnete Auswahl der Ereignisse in ihrem sozialen Umfeld an. Meldungen von jenen Menschen und Quellen nĂ€mlich, mit denen die Nutzer "am hĂ€ufigsten interagieren" - so die vage Facebook-Formulierung. Das ist schon seit 2009 so. Erstaunlich an den immer wiederkehrenden UnmutsĂ€ußerungen von Mitgliedern ist vor allem das: Die Menschen merken monatelang nicht, dass Software fĂŒr sie entscheidet, was relevant ist. Erst in dem Augenblick, in dem ihnen dieser Filter bewusst wird, fĂŒhlen sich einige bevormundet, getĂ€uscht, entmĂŒndigt.

Es ist erstaunlich, wie wenigen Internetnutzern bewusst ist, dass Software auf Basis ihres Surfverhaltens, ihres Orts, ihrer Kontakte die Onlinewirklichkeit fĂŒr sie vorsortiert.

Dass man beim OnlinehĂ€ndler Amazon monatelang bei jedem Besuch Reclam-BĂ€ndchen auf der Startseite sieht, wenn man einmal Hoffmanns "Elixiere des Teufels" gekauft hat, weiß fast jeder. Aber dass Googles Suchergebnisse und eben auch die Nachrichten aus dem Facebook-Freundeskreis fĂŒr nahezu jeden Nutzer individuell gefiltert sind - das erstaunt doch viele. Google fĂŒhrte schon Ende 2009 die personalisierte Suche fĂŒr alle Nutzer ein. Die funktioniert, einfach ausgedrĂŒckt so: Wenn man im vergangen halben Jahr von seinem Rechner aus bei Google-Suchen besonders oft auf Ergebnisse von Reiseportalen geklickt hat, taucht in den Treffern zu Ägypten recht weit oben vielleicht eine Reiseseite auf, statt einer Seite ĂŒber die politischen VerĂ€nderungen in dem Land. Außer, man hat der Personalisierung explizit widersprochen.

Was ist relevant? Eichhörnchen-Videos oder Nachrichten aus Afrika?

Bei Facebook diskutierten die Entwickler schon 2005, dass ein Software-Filter unabdingbar sei, um den Nutzern lediglich eine relevante Auswahl der Nachrichten aus dem stetig wachsenden Facebook-Freundeskreis jedes Mitglieds zu liefern. Nachlesen kann man das in dem Buch "The Facebook effect", in dem dieses Zitat von Facebook-GrĂŒnder Mark Zuckerberg zu Filter-Algorithmen ĂŒberliefert ist: "Ein Eichhörnchen, das vor deinem Haus stirbt, könnte fĂŒr dich in diesen Augenblick wichtiger sein als Menschen, die in Afrika sterben."

Ob man nun das Eichhörnchen von nebenan oder die Nachrichten ĂŒber Haiti beim Aufruf der Facebookseite sieht, hĂ€ngt von dem sogenannten Edge-Rank ab. Diesen Wert berechnen die Facebook-Algorithmen fĂŒr jede fĂŒr ihn womöglich relevante Nachricht. Je höher der Edge-Rank ausfĂ€llt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man den Kommentar, die Artikel-Empfehlung oder die MeinungsĂ€ußerung eines Facebook-Kontakts oder einer anderen Quelle in dem Netzwerk zu sehen bekommt.

Der Edge-Rank basiert auf einer Reihe von Kriterien, dazu gehört auf jeden Fall, wessen EintrÀge ein Nutzer zuletzt kommentiert, wem er viele Nachrichten geschrieben und wie oft er bestimmte Artikel einer Quelle aufgerufen hat.

Wer Katzen mag, sieht eben keine Hundefotos

Umgekehrt heißt das auch: Was man nicht oft genug anklickt, sieht man irgendwann nicht mehr. Na und? Wer Katzen mag, sieht eben keine Hundefotos. Und es ist vielleicht etwas unheimlich, aber nicht weiter schlimm, wenn man bei Facebook irgendwann nur noch Dinge liest, die Katzenfreunde von sich geben. Aber da zum Beispiel mehr und mehr Menschen ihren Nachrichtenkonsum ĂŒber Facebook organisieren, geht es lĂ€ngst nicht mehr nur um Hunde, Katzen und den eigenen OnlineklĂŒngel.

Letztlich verstĂ€rkt der Facebook-Filter die Weltsicht des jeweiligen Nutzers. Wer sich diesen Mechanismus nicht bewusst macht, könnte den Eindruck gewinnen, die ganze Facebook-Welt sei fast einer Meinung - seiner. Eli Pariser schreibt gerade ein Buch ĂŒber die "Filter Bubble", wie er die Auswirkungen der Filter-Algorithmen nennt. Bei seinem Vortrag sprach er von einer "unsichtbaren algorithmischen Redaktion" des Webs. Seine BefĂŒrchtung: "Wir bewegen uns in eine Welt, in der das Internet uns nur Dinge zeigt, von denen es denkt, dass wir sie sehen mĂŒssen, nicht aber, was wir sehen sollten."

Die digitale Schweigespirale

Parisers Analyse greift etwas kurz, solange er nur von den Algorithmen spricht, die das Netz filtern. Eine ganz Àhnliche Verengung der Weltsicht lÀsst sie bei Twitter beobachten, wo die Nutzer selbst entscheiden, welchen Menschen sie folgen, wessen Leseempfehlungen und Kommentare sie sehen wollen. Twitter filtert diesen persönlich zusammengestellten Strom der Hinweise, Wortmeldungen und Kommentare nicht - man sieht in chronologischer Abfolge ohne jede weitere Gewichtung, was das selbstgewÀhlte Umfeld gesagt hat.

Und doch wirkt die vom selbstgewĂ€hlten Twitter-Umfeld gelieferte Sicht auf die Welt verzerrt, wenn man sie einmal mit dem Smalltalk in der U-Bahn, der Kneipe oder den Kommentaren auf einer beliebigen Nachrichtenseite im Netz vergleicht. Zumindest in meinem Twitter-Umfeld gilt Karl-Theodor zu Guttenberg als unertrĂ€glich. Das sehen einige Menschen anders, und unabhĂ€ngig davon, was man nun darĂŒber denkt: Es ist erstaunlich, wie wenig abweichende Meinung zu diesem und anderen Themen ich in meinem Twitter- und Facebook-Umfeld lese.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann hat vor Jahrzehnten in einer Welt ohne Netz eine These fĂŒr die Wirkung des Fernsehens und der Zeitungen auf die MeinungsĂ€ußerungen jedes einzelnen aufgestellt: Wenn Menschen bei moralisch aufgeladenen Fragen den Eindruck gewinnen, dass sie mit ihrer Meinung zur Minderheit gehören, Ă€ußern sie diese nicht.

Noelle-Neumann sprach von einer Schweigespirale.

Ein Kommunikations- wissenschaftler sollte unbedingt mal erforschen, ob sich so ein Effekt bei bestimmten Themen auf Facebook und Twitter beobachten lĂ€sst. Es erscheint zumindest plausibel, dass Menschen sich in einem bestimmten Umfeld mit ihrer Meinung zurĂŒckhalten. Wenn das geschieht, fehlen abweichende Blickwinkel - und die Welt scheint digital viel einhelliger, als sie in Wahrheit ist.

URL:

    * http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,750111,00.html

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE:

    * Kritik an Facebook: Aigner legt nach (06.04.2010)
      http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik...,687498,00.html
    * Offener Brief an Zuckerberg: "Privates muss privat bleiben" (05.04.2010)
      http://www.spiegel.de/politik/deutschland/...,687280,00.html
    * Brief an Zuckerberg: Aigner zieht in den Kampf gegen Facebook (05.04.2010)
      http://www.spiegel.de/politik/deutschland/...,687255,00.html
    * Datenschutz im Web: Wie Sie sich vor Google verstecken (07.12.2009)
      http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik...,665613,00.html
    * Internet-Exhibitionisten "Spackeria": "PrivatsphĂ€re ist sowas von Eighties" (10.03.2011)
      http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik...,749831,00.html
    * SPIEGEL ONLINE: So stellt man die personalisierte Suche ab
      http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik...65613-5,00.html

MEHR IM INTERNET

    * "The Facebook Effect", Seite 181
      http://dort.li/hQ2XSz
    * Businessinsider.com analysiert den Edge-Rank
      http://www.businessinsider.com/how-faceboo...eal-all-2010-10
    * Mashable.com ĂŒber Eli Parisers Ted-Vortrag
      http://mashable.com/2011/03/03/eli-pariser-ted/
    * Google Blog-Post: "Personalisierte Suche"
      http://googleblog.blogspot.com/2009/12/per...r-everyone.html
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Wir werden immer hilfloser.
Was tun?!?
:-O

This post has been edited by TJA on March 14, 2011 02:58 am


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CroniD
Posted: March 14, 2011 05:07 am
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Kein Facebook nutzen? Lieber Nachrichten auf richtigen Nachrichtenportalen lesen? Ich mein Facebook ist ein Kontaktnetzwerk, kein Nachrichtennetzwerk. Die Kritik mag stimmen, aber die Leute, die etwas nutzen wollen, was nicht der Natur der Sache entspricht (Facebook als Nachrichtenportal) ist doch sowieso etwas fernab der RealitĂ€t, oder? Also ich meine das nicht im negativen oder positiven Sinne, eher nĂŒchtern.

Gerade in der Linux Welt gibt es ja das Prinzip: Eine App fĂŒr eine Aufgabe. Das ist gar nicht so blöd finde ich und lĂ€sst sich mit Sicherheit auch auf das alltĂ€gliche Leben ĂŒbertragen denke ich. smile.gif


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keiler
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Wir werden immer hilfloser.
Was tun?!?
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lol das sagt wohl alles ^^ wir sind hilflos... was sollen wir tun?^^

meine gĂŒte


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TJA
Posted: March 29, 2011 02:27 pm
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Sag mal, ist Dir langweilig?

Dann blubber anderswo ...


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