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TJA
Posted: September 01, 2011 11:05 pm
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01. September 2011, 19:03 Uhr
Philip Morris
Tabakkonzern fordert Daten zu jungen Rauchern

Von Markus Becker

Philip Morris versucht, in Gro├čbritannien auf juristischem Weg an Forschungsdaten heranzukommen. Der Tabakkonzern ist interessiert an der Befragung Tausender Jugendlicher, etwa zur Gestaltung von Zigarettenschachteln. Wissenschaftler f├╝rchten nun um die Integrit├Ąt ihrer Arbeit.

Jedes Jahr sterben weltweit rund sechs Millionen Menschen an den Folgen des Tabakkonsums, sch├Ątzen Wissenschaftler. Das macht mehr als 16.000 Tote pro Tag oder rund elf pro Minute. In Deutschland fordert der Tabakkonsum 110.000 bis 140.000 Todesopfer j├Ąhrlich. Die ├╝berw├Ąltigende Mehrheit hat bereits im Kindesalter zum Glimmstengel gegriffen - und warum das so ist, versucht Gerard Hastings seit Ende der neunziger Jahre zu erforschen.

Tausende von Kindern und Jugendlichen hat der Direktor des Instituts f├╝r soziales Marketing gemeinsam mit seinem Team nach ihrer Einstellung zum Rauchen und zu den Werbekampagnen der Zigarettenindustrie befragt. Doch jetzt findet sich der Professor in einer f├╝r ihn unangenehmen Situation wieder: Seine Arbeit k├Ânnte demn├Ąchst einem Tabakkonzern helfen, Zigaretten noch besser an Kinder und Jugendliche zu verkaufen.

Mehrere britische Medien, darunter die Zeitung "The Independent" und die BBC, berichten am Donnerstag ├╝ber den Versuch von Philip Morris International, an die Forschungsdaten aus Stirling zu gelangen. Der Hebel, den der Tabakkonzern ansetzt, ist ausgerechnet das britische Informationsfreiheitsgesetz (Freedom of Information Act, kurz FOI). Es verpflichtet ├Âffentliche Institutionen zur Offenlegung von Daten und war damit eigentlich dazu gedacht, f├╝r mehr B├╝rgern├Ąhe und Transparenz zu sorgen.

"Hier geht es um Kinder"

Wie Hastings im Gespr├Ąch mit SPIEGEL ONLINE erkl├Ąrte, geht es um zwei Studien, f├╝r die in den vergangenen Jahren knapp 6000 Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 13 bis 24 Jahren befragt wurden. Dabei ging es um Marketingma├čnahmen der Tabakkonzerne wie etwa die Gestaltung von Zigarettenschachteln. Philip Morris hat im September 2009 zun├Ąchst versucht, anonym an die Daten zu gelangen, indem eine Anwaltskanzlei mit der FOI-Anfrage beauftragt wurde. Der Information Commissioner, der Leiter der britischen Datenschutzbeh├Ârde, schmetterte den Antrag allerdings ab mit dem Hinweis, dass die Kanzlei ihren Auftraggeber nennen m├╝sse.

Seitdem hat Philip Morris zwei weitere Antr├Ąge unter eigenem Namen gestellt. Auf den ersten wollte die Uni erst gar nicht antworten und wies ihn als "├Ąrgerlich" zur├╝ck. Diesmal sah es der Information Commissioner anders: Am 30. Juni urteilte er, dass die Universit├Ąt antworten m├╝sse. Das hat sie inzwischen getan, die Herausgabe der Daten aber erneut verweigert.

Eine Sprecherin der Datenschutzbeh├Ârde sagte, Philip Morris k├Ânne einen neuen Antrag stellen. Sollte der Information Commissioner dann zu dem Schluss kommen, dass die Universit├Ąt im Unrecht ist, k├Ânne er die Herausgabe der Daten anordnen.

F├╝r Hastings w├Ąren die Folgen kaum auszudenken. "Hier geht es um Kinder", so der Forscher. "Tabakkonzernen w├╝rde es niemals gestattet sein, solche Daten selbst zu erheben." Sollte sein Institut zur Herausgabe der Daten gezwungen werden, "w├Ąre das eine Katastrophe" - sowohl f├╝r die Freiheit der Wissenschaft als auch f├╝r die Zukunft der Forschung an seinem Institut.

Hastings bef├╝rchtet vor allem drei Folgen:

   * Junge Leute k├Ânnten das Vertrauen in die Wissenschaft verlieren. Zwar seien die Daten anonymisiert und daher nicht zu einzelnen Personen zur├╝ckverfolgbar. Doch den Teilnehmern sei auch schriftlich zugesichert worden, dass die Daten streng vertraulich und ausschlie├člich f├╝r wissenschaftliche Zwecke verwendet w├╝rden. "Philip Morris erf├╝llt diese Kriterien nicht ansatzweise", so Hastings.
   * Bisherige Geldgeber k├Ânnten dem Institut ihre Unterst├╝tzung entziehen. Wohlfahrtsverb├Ąnde, beispielsweise im Bereich der Krebsmedizin, d├╝rften wenig begeistert sein, wenn ihre F├Ârdergelder der Marketingabteilung eines Tabakkonzerns zugute k├Ąmen.
   * Die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern anderer britischer und internationaler Institute k├Ânnte beeintr├Ąchtigt werden, da sie bef├╝rchten k├Ânnten, dass auch ihre Daten in die H├Ąnde von Tabakkonzernen fallen.

Die Frage, was genau Philip Morris mit den Daten bezweckt, lie├č der Konzern unbeantwortet. Auf Anfrage hie├č es lediglich lapidar, man wolle das Forschungsprojekt "besser verstehen". Studien wie die des Instituts in Stirling bildeten oft die Grundlage von Gesetzesentscheidungen. Deshalb sollte "diese ├Âffentlich finanzierte Forschung uns und anderen Betroffenen offenstehen", hie├č es. Zudem falle sie unter das Informationsfreiheitsgesetz. "Der Information Commissioner hat deutlich gemacht, dass die Anfrage von Philip Morris legitim ist", so die Sprecherin. Man sei nicht an privaten oder vertraulichen Daten einzelner Studienteilnehmer interessiert.

Hastings sagte jedoch, die Ergebnisse der Untersuchungen seien bereits in Fachbl├Ąttern publiziert. Warum Philip Morris die Rohdaten einsehen wolle, k├Ânne er nur vermuten.

Lange Geschichte der Beeinflussung von Forschern

Es w├Ąre es nichts Neues, wenn ein Tabakkonzern versuchen w├╝rde, die Wissenschaft zu manipulieren. Immer wieder haben die Firmen - darunter auch Philip Morris - enorme Summen an Forscher gezahlt. Insbesondere in Deutschland war diese Strategie erfolgreich, wie 2005 eine Untersuchung ergab.

Auch auf anderen Wegen setzen die Konzerne ihre Macht ein, selbst Regierungen m├╝ssen sich vorsehen. So klagte Philip Morris - mit rund 77.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von mehr als 27 Milliarden Dollar einer der gr├Â├čten Zigarettenhersteller der Welt - bei der Weltbank gegen die ambitionierte Tabakgesetzgebung Uruguays. Das s├╝damerikanische Land versprach am Ende, das Gesetz nachzubessern. Auch in anderen Staaten - etwa in Brasilien, Irland, den Philippinen oder Mexiko - klagten Tabakkonzerne gegen Gesetzesinitiativen.

Europ├Ąische Regierungen bleiben davon nicht verschont. Im vergangenen Jahr verklagte Philip Morris die Regierung Norwegens wegen eines Tabakwerbeverbots. Die gewagte Behauptung eines Unternehmenssprechers: "Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise, dass dieses Verbot irgendeinen gesundheitsf├Ârdernden Effekt hat."

URL:

   * http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,783863,00.html

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   * DER SPIEGEL: "Im W├╝rgegriff der Industrie"
     http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43510688.html
   * DER SPIEGEL: "Verfolgte Unschuld"
     http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-60883145.html


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